Seite 063



Aber vielleicht habe ich mich gestern missverständlich ausgedrückt, das tut mir leid. Wie ich schon sagte, die Bibel ist ein ganz wunderbares Buch, von Gott inspiriert und uns zum Leben geschenkt, warum sollten wir es nicht wörtlich nehmen? Es kommt nur darauf an, wie wir die Worte verstehen, das versuchte ich deutlich zu machen. Ich glaube nicht, dass j e d e Interpretation der Bibel wahr und erlaubt ist. Die Bibel taugt zum Beispiel wenig als Lehrbuch für Naturwissenschaften, weil ihre Aufgabe eine andere ist und ihre Wahrheiten einen ganz anderen Zweck zu erfüllen haben.
Lasst mich ein Beispiel erzählen. Was steht in Matth. 13:31-32?
Jemand, der gerade seine Bibel zur Hand hatte, las vor: "Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen." - Wenn ich den Anspruch habe, dass in der Bibel alles in jeder Hinsicht wörtlich richtig sein muss, dann habe ich jetzt viele Probleme: das Senfkorn ist nicht das kleinste unter den Samenkörnern und schon gar nicht das kleinste unter a l l e n Samenkörnern dieser Welt, wie in Markus 4:31(1) zu lesen ist, auch zur Zeit Jesu war es das nicht; zweitens wird die Pflanze selten größer als die meisten Kräuter, drittens wird aus ihr äußerst selten ein Baum und viertens können Vögel schwerlich darin wohnen, denn sie ist in Farbe und Größe unserem Raps sehr ähnlich. Was hier steht, ist offensichtlich so nicht wörtlich naturwissenschaftlich wahr und einige mutmaßen im Netz, dass Jesus keine Ahnung von der Pflanzenwelt seiner Zeit hatte. Wie sollen wir nun damit umgehen?
Es handelt sich, wie die Bibel deutlich sagt, um ein Gleichnis, das der Erklärung bedarf und erst dann wird deutlich, was Jesus seinen Jüngern sagen wollte. Mit dem Samenkorn meint er offenbar das des
schwarzen Senfs (Brassica nigra); es ist im Mittelmeerraum verbreitet und etwa 10mal kleiner als die uns bekannten Senfkörner. Auch das waren sicher nicht die kleinsten Samenkörner der damaligen Welt und auch aus ihnen wuchs niemals ein Baum, in dem Vögel wohnten.
Das ergibt Spielraum für eine ganz neue Interpretation dieses Gleichnisses: Es könnte doch sein, dass Jesus hier nicht meint, dass unser Glaube groß werden soll und anderen nützen, die dann wie Vögel in ihm nisten können und Geborgenheit finden. Nein, vielleicht er will uns sagen, dass der Glaube, das Reich Gottes, auch in unnatürlicher Weise wachsen und sich aufblähen wird. Dann wird es vielen Strömungen und ungesunden Entwicklungen Raum bieten. Jeder Jude, der das hörte, wusste, dass Jesus mit einer Senfpflanze, die so groß wird, dass sie Vögeln Unterschlupf gewährt, ein eher ungesundes Monster von Baum beschreibt, das es so gar nicht gibt.(2) Die Zuhörer widersprechen Jesus daher nicht. Welche Interpretation des Gleichnisses ist nun die wahre? Eine gute "wissende" Interpretation ist notwendig, damit wir Gottes Wort recht verstehen."
"Aber Saron, es kann doch immer nur e i n e Wahrheit geben!", rief jemand, der, wie die anderen, sehr intensiv zuhörte.























--------------------------------------------------

--------------------------------------------------

--------------------------------------------------


(1) In fast allen Übersetzungen heißt es so oder ähnlich vom Senfkorn, dass es "
kleiner ist als alle Arten von Samen, die auf der Erde sind;" (Elberfelder-Übersetzung) Das ist korrekt, denn im Urtext steht deutlich: " täs gäs" Die Jahrtausende alte lateinische Übersetzung schreibt: quae sunt in terra" also: "die es auf Erden gibt". Aber die Hoffnung für alle (eine stark interpretierende Übersetzung) schreibt: "es ist zwar das kleinste von allen Samenkörnern" das weitere, nämlich "auf Erden", wird einfach weggelassen. Ist es eine Lösung, einfach alles das wegzulassen, was frommen Christen in der Bibel nicht gefällt?

(2) Immer mehr Ausleger folgen dieser Linie, die einen krassen Gegensatz zu der Annahme darstellt, der Baum würde einen großen, prächtigen Glauben darstellen. Siehe auch oder aber auch



Besucherzaehler